Ein Lebenswerk für die Dichtung

 Ein Lebenswerk für die Dichtung

Ausstellung der Universitätsbibliothek Regensburg zum 100. Geburtstag von Karl August Kutzbach (1903–1992)

Älteren Freunden literarischer Gesellschaften ist der Name Kutzbach vertraut als der eines unermüdlichen Forschers, Editors und Propagandisten für das Werk des Dramatikers und Epikers Paul Ernst (1866–1933), dem in jüngster Zeit wieder verstärkt Aufmerksamkeit zuteil wird. Mit seltener Beharrlichkeit hat der als Sohn eines TH-Professors aufgewachsene Kunststudent nach dem Erlebnis Paul Ernstscher Dramen und nach einem ersten Besuch bei dem Dichter (im September 1931) sich den Dienst an dessen Werk zur Lebensaufgabe gemacht. Er war gleichsam die Seele der bald nach dem Tode Paul Ernsts ins Leben gerufenen Literarischen Gesellschaft. Für sie hat er bis zum Kriegsbeginn fünf materialreiche Jahrbücher ediert, nach der 1956 erfolgten Neugründung die Zeitschrift Der Wille zur Form betreut, die in der Regel zweijährlich stattfindenden Tagungen mitgestaltet und vor allem wichtige Nachlaß-Ausgaben veröffentlicht, von denen mindestens zwei, Teile einer unvollendet gebliebenen „Dokumentarbiographie“: Paul Ernst am Schauspielhaus Düsseldorf und Die neuklassische Bewegung um 1905 (1972) sowie Paul Ernst and Georg LukàcsDokumente einer Freundschaft (1974), Wert und Bedeutsamkeit weit über die Spezialforschung hinaus besitzen.

Von allgemeinem Interesse sind ferner zahlreiche Aufsätze und Rezensionen zur zeitgenössischen Literatur, die Kutzbach seit 1931 für Zeitschriften und Zeitungen verfaßte und auf deren Basis sein vielbeachtetes Autorenlexikon der Gegenwart (Bonn: Bouvier, 1949) und dessen umgearbeitete „kleine Ausgabe“:Autorenlexikon des XX. Jahrhunderts (1952) entstanden. Die hier angewandten Maßstäbe entstammten der Beschäftigung mit Ernsts Oeuvre, bedienten sich aber auch damaliger Schlagwörter wie „Asphaltliteratur“, „Intellektualismus“ oder „Zivilisationsliteratentum“; obwohl der Gesinnung und Parteizugehörigkeit nach kein Nationalsozialist, konnte Kutzbach doch dem oberflächlichen Blick als ein NSDAP-Sympathisant erscheinen. So wurde er im Oktober 1933 durch Hellmuth Langenbucher, Chef einer zum „Amt Rosenberg“ gehörenden Überwachungs- und Prüfstelle für Belletristik, zur Mitarbeit aufgefordert; bis ins Jahr 1939 hinein hat er an die hundert Gutachten für diese „Reichsstelle“ geschrieben, dabei jedoch niemals die eigene Überzeugung verleugnet.

Aus mehr als einem Grund ist daher die Beschäftigung mit Kutzbachs Arbeiten gerechtfertigt. Der sehr umfangreiche Nachlaß, der sowohl reiches Material von und über Paul Ernst als auch die lückenlose Dokumentation der Kutzbachschen Lebensleistung umfaßt, wurde im Jahr 2002 durch dessen Nichte, Dr. med. Hildegard Blanke, der Universitätsbibliothek Regensburg übergeben. Mit seiner Aufarbeitung ist der dort seit November 2002 angestellte M.A. Ralf Gnosa, ein vorzüglicher Paul-Ernst-Spezialist und ausgezeichneter Literaturkenner, betraut worden. Obwohl die vollständige Bestandsaufnahme noch Jahre dauern wird, hat sich Herr Gnosa bereits einen so eingehenden Überblick verschafft, daß er zu Kutzbachs 100. Geburtstag, am 23. September 2003, im Foyer der UB Regensburg eine repräsentative Ausstellung eröffnen konnte. Die unter kluger Raumausnutzung im offenen Rechteck aufgestellten und durch Schautafeln ergänzten zehn Hauptvitrinen gaben mit ihrem Wechsel von chronologischer und thematischer Materialanordnung einen ebenso umfassenden wie plastischen Eindruck. Besondere Beachtung verdienten dabei die Positionen IV (über die Arbeiten 1933 bis 1945 mit ihrer „Nähe und Distanz“ zum Dritten Reich), VII (zur Entstehung und zeitgenössischen Beurteilung des Autorenlexikons), wie auch IX („Lebensfreundschaften“) und X („Alterstätigkeit“), weil man durch sie Einblick in ein literatur- und kulturhistorisches Material erhielt, das im Unterschied zu Kutzbachs Paul-Ernst-Arbeiten bisher wissenschaftlich so gut wie nicht wahrgenommen wurde.

Die Ausstellung, auf die weder in der Fach- noch in der Tagespresse gebührend hingewiesen wurde, mußte zum 31. Oktober 2003 wieder abgeräumt und ihr Exponatenbestand auf die ca. 80 Kisten verteilt werden, denen er entnommen worden war. Der Bericht über sie soll denn auch weniger eine rückblickende Würdigung vornehmen als auf ein in Regensburg lagerndes Dokumentargut aufmerksam machen, von dem künftig keine Forschung zur deutschen Literatur der 1930er Jahre und des ersten Nachkriegsjahrzehnts ungestraft absehen darf. Einige Hinweise zur Benutzung wird der von Ralf Gnosa erarbeitete Ausstellungskatalog enthalten, der noch im Jahr 2004, wahrscheinlich in einer Schriftenreihe der Paul-Ernst-Gesellschaft, herauskommen wird.

Prof. Dr. Günter Hartung (Halle)